Warum reicht eine „kleine Reform“ nicht?

Mit der so genannten “kleinen Lösung” ist vor allem für die privaten Ausbildungsinstitute der Wunsch verbunden, dass vieles so bleibt wie es ist und dass es ausreichend sei. Angehen möchte man bei einer kleinen Lösung vor allem die Zugangsregelung  (Masterniveau als Zugang zur Ausbildung) sowie eine “erste” Entgeltregelung für PiA in der praktischen Tätigkeit, wo wir Jungen Psychotherapeuten uns doch bereits seit Jahren für adäquate tarifliche Lösungen einsetzen. RA Gleininger orientiert sich zudem fälschlicherweise an der zu geringen finanz. Unterstützung wie wir sieim Rahmen eines (jur.) Referendariats kennen. Übersehen wird jedoch, dass a) anders als im Referendariat, PiA ihre parallel stattfindende Ausbildung (und Lebensunterhaltungskosten!) selber zahlen und b) die PiA weiterhin in den Kliniken als „Praktikantinnen und Praktikanten“ geführt werden würden, während bei Ärztinnen und Ärzten das „AiP“ berechtigterweise bereits vor 10 Jahren abgeschafft wurde.

Unter anderem welche psychologische Wirkung das in Bezug auf die Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“ hat, wird wohl nicht näher ausgeführt werden müssen. Außerdem gehen wir davon aus, dass auf diesem Wege auch die hart erkämpften „PiA-Stellen“, die in geringem Ausmaß bereits heute tariflich (besser als Referend.) vergütet werden, wieder verloren gehen. Wir möchten keine zuverlässige Unterfinanzierung für die Psychotherapieausbildung.

Der Staat würde sich finanziell an dem basalen Modell „Direktausbildung“ mit Studium und Weiterbildung deutlich stärker beteiligen. Bei einer “kleinen Lösung” wäre dies sicher nicht der Fall.

Auch die Entwicklung für die faire, gleichberechtigte Eingruppierung in tarifrechtliche Lösungen wäre durch eine Direktausbildung deutlich erleichtert. Es würde die Situation in den Kliniken verbessern. Die „kleine Lösung“ hält die „PiA-Sondersituation“ unsers Erachtens und unglücklicherweise aufrecht.

Derzeit bedeutet das im Tarifrecht z.B., dass Psychologische Psychotherapeuten mit u.U. nach vielen Jahren Berufserfahrung bei Erhalt der Approbation wie junge Ärztinnen/Ärzte frisch nach dem Studium eingruppiert werden. Die Berufserfahrung und langjährige Ausbildung findet tariflich keinerlei Berücksichtigung. Während die Ärztinnen und Ärzte jedes Jahr eine tariflich geregelte Gehaltserhöhung bekommen, bleibt dies PP/KJP vorenthalten. Es bedarf gerechter Lösungen! Das kann zudem bedeuten, dass approbierte Psychologische Psychotherapeuten wie auch KJP in den ersten Jahren weniger Gehalt bekommen, als es Diplom-Psychologen mit erster Berufserfahrung erhalten. So kann es nicht weitergehen.

Bei Honorarverhandlungen innerhalb des Systems der kassenärztlichen Vereinigung taucht immer wieder das Argument auf, dass die Ausbildung der Psychotherapeuten nicht der ärztlichen entspreche und es daher auch keinen Anspruch auf vergleichbare Vergütung gebe. Die „kleine Lösung“ würde dieses unsägliche Problem aufrechterhalten.

Unseres Erachtens reicht es nicht, diese anderen Stellschrauben, die Idee von Fairness auszublenden, die “Wenig-Reform” greift deutlich zu wenig!

Doch auch eine duale Direktausbildung kann diese Problematik nicht lösen, denn problematisch bleibt hier u.a. die vorgesehene „eingeschränkte Heilerlaubnis“. Bisher besteht ohne Approbation gar keine Heilerlaubnis, einunzumutbarer Zustand! Die heilkundlichen Tätigkeiten der PiA sind aktuell streng genommen rechtswidrig. Eine basale Direktausbildung, in der das Studium mit Approbation und eindeutiger erster Heilerlaubnis unter fachlicher Begleitung (analog den Assistänzärztinnen und Assistenzärzten) abschließt, würde diesen Missstand endlich beseitigen.

Viele Ausbildungsinstitute haben in der Tat gute qualitative Standards, sie bieten eine fachgerechte Ausbildung an, doch eine gesellschaftlich derart wichtige Ausbildung gehört nicht an Privatinstitute, die andere Interessen als die staatliche Hand verfolgen. Denn immer noch zu viele Institute halten qualitative Ausbildungserfordernisse nicht ein.

Bei einer „kleinen Lösung“ bliebe die Regelung professioneller heilberuflicher Qualitätsstandards in den Händen privater Institute, was bedeutet: In einigen Ausbildungsinstituten bleiben, insbesondere die finanziellen Bedingungen sowie der Umfang an Arbeitseinsatz, die insgesamt zu erfüllenden Bedingungen intransparent, was weiterhin Spielraum für Ausbeutung und Missbrauch liefert.

Nach einer basalen Reform würden die Heilberufe ihre Qualitätsstandards den Psychotherapeutenkammern übertragen, hier wären die inhaltlichen Anforderungen an die Weiterbildung mit den fachlichen (verfahrensbezogenen, altersgruppenbezogenen) Qualifikationsvorgaben vom Berufsstand selbst zu regeln, so wie wir es von anderen verkammerten Berufen kennen. Dadurch gebe es auch endlich eine effizientere und klar geregelte Unterstützung für Weiterbildungsteilnehmer/innen in Fällen von Missständen an den Instituten. Bislang wird die Verantwortung hin und her geschoben.

Die Psychotherapeutenkammern vertreten bereits heute, dies auch auf Bundesebene, die Interessen der rund 40.000 Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Deutschland.

Und auch die derzeit bestehende Redundanz mit den Inhalten des Studiums der Klinischen Psychologie könnte bei „kleiner Lösung“ vermutlich kaum vermieden werden. Erst mit basaler Reform (Direktausbildung) könnte durch eine formale Definition des Berufs der Psychotherapeuten in § 1 des Psychotherapeutengesetzes auch eine Öffnung für zum Beispiel Prävention oder für Heilversuche in bisher nicht anerkannten Verfahren sowie die Lehre aller wissenschaftlich anerkannten Verfahren ermöglicht werden. Eine eindeutige Approbationsordnung könnte dies untermauern.

Denn auch in den anderen Heilberufen, wie Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie, ist eine Einheit von Lehre, Forschung und Heilbehandlung als ein charakteristisches Merkmal des akademischen, staatlich geregelten Heilberufs umgesetzt. Die „kleine Lösung“ bietet diese wünschenswerte Weiterentwicklung und Stabilisierung der Profession im Gesundheitssystem nicht. Die stärkere Verzahnung mit der Universität und Wissenschaft, bspw. über wichtige und erforderliche Psychotherapiestudien und v.a. Psychotherapieforschungsprojekte, würde mit der “kleinen Reform” kaum eintreten, d.h. über Jahre würde die angemessene, wissenschaftlich fundierte Weiterentwicklung des Psychotherapeutenberufs im Gesundheitssystem fehlen.

Und auch die vom Berufsstand schon lange geforderte Aufhebung der Befugniseinschränkungen (bislang kein Heilmittelverordnungen, keine Krankenhauseinweisungen, keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, keine Überweisungen zu Vertragsärzten und anderes) wäre mit einer „kleinen Reform“ in nächster Zukunft kaum erreichbar.

Die “kleine Lösung” wäre vor allem nicht wie die basale Direktausbildung eine formale Parallelisierung der Psychotherapeutenausbildung mit der von anderen akademischen Heilberufen, und nur diese ermöglicht unseres Erachtens langfristig eine angemessene „fachärztliche Gleichstellung“ und Weiterentwicklung, insbesondere im stationären und teilstationären Bereich.

Aktuell befinden sich Psychologische Psychotherapeuten in einer Sonderrolle:

–          Akademische Ausbildung, jedoch kein akademischer Heilberuf

–          Facharztstandard, jedoch kein Facharztstatus

–          Arztregistereintrag, jedoch mit Befugnisbeschränkungen, obwohl die professionelle Kompetenz vorliegt: Ausführliche Ausbildung in Diagnostik, Behandlung psychischer Erkrankungen u.a., jedoch nicht die Anerkennung, damit auch bei der Behandlungsplanung und –steuerung hinzugezogen zu werden (Einweisung in psychiatrische oder psychotherapeutische Kliniken, Einleitung einer psychosomatischen Reha, Atteste und Krankschreibungen bei psychischen Erkrankungen).

Siehe „Links und Quellen“ (18), (19), (11)

Als das Psychotherapeutengesetz von 1999 verhandelt wurde, war es vermutlich nötig, diese Kompromisse einzugehen. Damals war der Schritt zur gleichberechtigten Anerkennung zu groß, doch heute ist er denkbar! Die „kleine Lösung“ vertut diese Chance und hält die unsägliche Sonderrolle aufrecht.

Was völlig unberücksichtigt bleibt in der „kleinen Lösung“ ist die Frage, was passiert, wenn es zu einer europäischen Angleichung kommt? Nur der rechtlich klare Status als akademischer Heilberuf schützt uns dann, nicht wie viele andere europäische Kolleginnen und Kollegen wieder zum Heilhilfsberuf zu werden.

Siehe „Links und Quellen“ (9)

Zur Vertiefung: (7) Juristische Probleme der Reformmodelle // (10) Rechtsgutachten zur Umsetzbarkeit einer basalen Direktausbildung